Press review

Wir sind gekommen um zu bleiben!

Artikel vom:
01.09.2008
Quelle:
Nachttanzdemo-Zeitung 2008
Autor:
Rien ne va plus!
Kategorie:
Zeitung

es ist der 2. august 2008, ca. 23:30 uhr, von einem wenige tage zuvor bekannt gegebenen Schleusungspunkt bewegt sich eine erste gruppe in erwartung auf eine illegale Party richtung Varrentrappstraße 38. Dort, im ehemaligen JuZ Bockenheim, ist der Strom bereits wieder in stand gesetzt und aus den Boxen schallt elektronische musik im 4/4-takt. Währendessen werden die letzten Kisten Bier aus einem transporter in das haus getragen. als die gruppe das haus erreicht wird, langsam klar, dass es um mehr geht, als um die symbolische nutzung der räume bloß für einige Stunden. »altes JuZ wieder besetzt!« steht auf dem transpi, das am Balkon im ersten Stock befestigt wurde und verdeutlicht, worum es heute eigentlich geht: Die Besetzung des seit sieben Jahren leer stehenden hauses und die langfristige nutzung als selbstverwaltetes Kunst- und Kulturzentrum...

Seit der Wiedereröffnungsparty des ehemaligen JuZ am 2. August ist bereits viel passiert. Das Haus, welches durch jahrelangen Leerstand und absolute Untätigkeit von Seiten der Stadt dem systematischen Verfall preisgegeben wurde, ist bereits in den ersten Wochen seit der Wiedereröffnung soweit saniert worden, dass es schon jetzt weitestgehend uneingeschränkt genutzt werden kann. Strom- und Wasserleitungen sind wieder in Betrieb, Löcher in Decken, Böden und Wänden sind geflickt und zerschlagene Dachfenster durch die über Jahre hinweg Wasser in das Haus eindringen konnte, sind ausgetauscht worden. Der Aktionismus der Aktivist_innen der Initiative »Faites votre jeu!«, die die Besetzung geplant und organisiert haben, zeigt, dass es hier um eine langfristig angelegte Nutzung des ehemaligen JuZ Bockenheim geht.

Das Angebot, die Räumlichkeiten im Rahmen eines Leihvertrages befristet bis zum 15. Januar 2009 zu nutzen, erscheint in Anbetracht der Tatsache, dass das Gebäude von der Stadt über Jahre hinweg wenn nicht beabsichtigt, dann zumindest fahrlässig zerstört wurde, nicht hinnehmbar. Die Aussage, das Gebäude solle als Verwaltungsgebäude für die angrenzende Schule nutzbar gemacht werden, erscheint wenig glaubwürdig. Außerdem sollten berechtigte Zweifel daran bestehen, dass das im Haushalt der Stadt nach der Besetzung bewilligte Geld, für die Sanierung als Verwaltungsgebäude, überhaupt ausreichen könnte. Die Tatsache, dass in dem Gebäude der Schule für Bekleidung und Mode zur Zeit ein Teil des Unterrichts der Berta Jourdan Schule stattfindet, da deren Schulgebäude zur Zeit noch bis ins Jahr 2009 saniert wird, lässt die »akute« Raumnot sowohl als zeitlich begrenzt als auch als hausgemachtes Problem des Stadtschulamtes erscheinen und macht deutlich, dass es für die Schule für Bekleidung und Mode durchaus andere gangbare Lösungen als die teure Sanierung des ehemaligen JuZ Bockenheim gibt.

Eine Alternative für die Initiative »Faites votre jeu!« und die Menschen die das ehemalige JuZ bereits jetzt vielfältig nutzen, scheint jedoch kaum in Sicht. In Frankfurt auch nur annähernd ähnliche Räumlichkeiten zu finden, die ebenso vielseitig nutzbar sind, ist aussichtslos. Durch Umstrukturierung und Gentrifizierung des urbanen Raums sind unkommerzielle Projekte, die versuchen Alternativen zur kapitalistischen Verwertungslogik aufzuzeigen, kaum mehr möglich. Orte in Frankfurt und anderswo, in denen Subkultur, nicht-etablierte Kunst, linke und linksradikale Politik noch Raum finden, sind – wenn überhaupt noch vorhanden – total überlaufen und bieten deshalb neuen Gruppen kaum die Möglichkeit, sich dort (sinnvoll) einzubringen. Somit war die Entscheidung, in einer Stadt, in der immer weniger Raum für unkommerzielle und selbst verwaltete Projekte zur Verfügung steht, während auf der anderen Seite immer mehr Gebäude leer stehen und nicht genutzt werden, ein Haus zu besetzen, nur folgerichtig.

Da weder im nächsten halben Jahr,noch darüber hinaus Verbesserungen zu erwarten sind und die beschriebenen Lage sich voraussichtlich weiter verschlechtern wird, gibt es keine Alternative zur Nutzung des ehemaligen JuZ. Außerdem steht das Gebäude, welches erstmals vor 30 Jahren besetzt worden war und als eines der ersten autonomen Jugendzentren in Deutschland genutzt wurde, auch geschichtlich in einer Tradition die ein Verzicht auf speziell dieses Gebäude unmöglich macht. Außerdem bietet das Haus in der Varrentrappstraße ausreichend Platz für viele verschiedene politisch, kulturell oder künstlerisch tätige Gruppen und Einzelpersonen und ermöglicht diesen gleichzeitig ausreichend Raum für Austausch und Kommunikation.

Aus all diesen Gründen werden die Aktivist_innen der Initiative »Faites votre jeu!«, ihre Unterstützer_innen und Sympatisant_innen nicht widerstandslos auf dieses Gebäude verzichten. Die Stadt sollte Ihre Nutzungspläne überdenken und muss die Kriminalisierung der Besetzer_innen durch die Rücknahme des Strafantrags wegen Hausfriedensbruch sofort beenden, wenn sie, abgesehen von halbherzigen Gesprächsangeboten, ein wirkliches Interesse an ernsthaften Gesprächen mit der Initiative hat.

Weitere informationen auf www.faitesvotejeu.tk

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