Pressespiegel

»Hausbesetzungen finden wir prinzipiell gut«

Artikel vom:
06.08.2008
Quelle:
Junge Welt
Autor:
Gitta Düperthal
Kategorie:
Zeitung

Junger Leute haben in Frankfurt/M. ein ehemaliges Jugendzentrum besetzt. Aktion gegen kulturelle Langeweile. Ein Gespräch mit Michael Walter
 

Interview: Gitta Düperthal


Michael Walter ist Sprecher der Initiative »Faites votre Jeu«, die in Frankfurt/M. das ehemalige Jugendzentrum besetzt hat

Eine Gruppe junger Leute hält seit der Nacht zum Sonntag das ehemalige Jugendzentrum (JUZ) in Frankfurt/M. besetzt. Sie plant, aus dem leerstehenden Gebäude in der Varrentrappstraße ein Kunst- und Kulturzentrum zu machen. Brechen in Frankfurt jetzt heiße Zeiten der Hausbesetzung an?

Wir finden Hausbesetzungen prinzipiell gut und wollen politisch damit etwas bewirken. Im öffentlichen Raum in dieser Stadt fehlt es an Spontaneität und Kreativität. Zur Zeit gibt es in Frankfurt noch zwei andere besetzte Häuser: Die Aue im Frankfurter Stadtteil Rödelheim ist seit 25 Jahren besetzt, das Institut für vergleichende Irrelevanz (Ivi) seit fast fünf Jahren. Wir haben allerdings einen speziellen Anspruch: Wir sehen nicht ein, daß es in Frankfurt immer weniger Raum für unkommerzielle und selbstverwaltete Kulturprojekte gibt, während immer mehr Gebäude leerstehen. Die rund 25 Stammbesetzerinnen und –besetzer sind hauptsächlich Künstler und Studenten, kommen aber aus unterschiedlichen Bereichen. Gemeinsam wollen wir der kulturellen Langeweile der Stadt etwas entgegensetzen.

Die Initiative nennt sich »Faites votre jeu« – auf deutsch »Macht euer Spiel« …

Der Gedanke, unsere Initiative nach dieser Roulette-Ansage zu benennen, kam uns vor einem Monat, als wir das Projekt planten. Erst wollten wir uns den Namen »Rien ne va plus« geben. »Nichts geht mehr!« – weil wir die kulturelle Öde in der Stadt so einschätzen. Wir wollten aber nicht mehr ohnmächtig dem offiziellen Kulturbetrieb gegenüberstehen, der kaum Chancen für neue und nicht etablierte Künstler bietet: Wir wollen unser Spiel machen, und haben es als offenes Projekt konzipiert. Wir fordern auch andere auf, Ideen einzubringen. Es sollen Ateliers, Probenräume, ein Fotolabor, Gruppen- und Gemeinschaftsräume entstehen, die kostenlos genutzt werden können.

Wie hat das angefangen?

Ausgehend von einer Party mit etwa 150 Leuten sind wir Samstag nacht zum JUZ gegangen und haben es besetzt. Das zeigt, wie groß die Unterstützung für unser Projekt ist. Erst zwei Tage vorher hatten wir sehr subversiv begonnen zu mobilisieren. Dann haben wir die Türen zugemacht und bis um vier, halb fünf gefeiert. Gegen zwei Uhr kam die Polizei. Wir hatten ein Transparent mit unserer Kontaktnummer aus dem Fenster gehängt und telefonisch verhandelt, daß wir zumindest bis Montag bleiben können, um dann Gespräche mit den Verantwortlichen der Stadt zu führen. Am Montag wurde Strafanzeige gestellt, meines Wissens auf Druck des Stadtschulamtes. Der Direktor der an das Gebäude angrenzenden Gutenbergschule war dagegen durchaus offen für unser Projekt. Am Montag haben wir von dem Referenten der Frankfurter Schuldezernentin eine Duldung bis Januar 2009 in Aussicht gestellt bekommen. Die Strafanzeige will man nicht zurücknehmen – das fordern wir aber.

Ist nicht das JUZ schon einmal vor 30 Jahren besetzt worden?

Ja, damals gab es viele Hoffnungen, aber nachdem die Stadt Sozialarbeiter eingestellt hatte, war der Anspruch eines selbstverwalteten Jugendzentrums nicht mehr zu erfüllen. Fast alle, die ursprünglich dabei waren, zogen sich zurück. Es gibt jetzt aber jede Menge Leute, die sich freuen, daß das Gebäude nicht weiter leer steht. Vor allem ehemalige Hausbesetzer und Anwohner kamen am Sonntag vorbei und brachten Möbel, einen Kühlschrank und einen Herd. Wir sind schon gut eingerichtet. Die Asten der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität und der Fachhochschule Frankfurt haben sich übrigens mit uns solidarisch erklärt.

Ist es richtig, daß die Schule für Mode, Grafik, Design in Offenbach dieses Haus bereits beansprucht?

Es gibt diese Pläne wohl seit Jahren, aber es hat sich nie etwas getan. Deshalb wollen wir prüfen, ob das überhaupt stimmt. Für uns ist das Haus perfekt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar. Das ermöglicht vielen Leuten, bei uns mitzumachen.

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