Pressespiegel

Perspektiven aus dem und für das Klapperfeld Perspektiven aus dem und für das Klapperfeld

Artikel vom:
30.12.2010
Quelle:
AStA-Zeitung (Uni Frankfurt)
Autor:
Karina Lembach
Kategorie:
Zeitung

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AStA-Zeitung der Goethe-Uni, Ausgabe Dezember 2010

Rückblick

Anfang August 2008 besetzte die Initiative »Faites votre jeu!« ein ehemaliges, leerstehendes Jugendzentrum in der Varrentrappstraße 38 in Frankfurt, unweit des Campus Bockenheim. Ziel der Besetzung war die Schaffung eines selbstverwalteten, unkommerziellen Zentrums. Die Vertreter_ innen der Stadt Frankfurt wollten den wiederbelebten Ort allerdings zu einem Verwaltungsgebäude für eine angrenzende Schule machen. Nach Räumungsdrohungen und Strafanzeigen gegen die Initiative kam es wohl auf Grund des öffentlichen Drucks und der breiten Unterstützung für das Projekt endlich zu ernsthaften Verhandlungen. Auch ein für den 15. Januar 2009 angesetzter Räumungstermin war bereits verstrichen, als die Stadt am 27. Januar ein Ersatzobjekt präsentierte: Das ehemalige Polizeigefängnis Klapperfeld.

Während die Stadt ihr Angebot feierte und die regionale Presse bereits vermeldete, »Hausbesetzer müssen in den Knast«, begannen innerhalb der Initiative heftige Diskussionen. Es stellte sich die Frage, ob man ein selbstverwaltetes Zentrum und den damit verbundenen Anspruch an eine progressive, emanzipatorische Politik und Kultur an einem Ort fortführen kann, der über 100 Jahre zur Verfolgung und Unterdrückung von Menschen genutzt worden war. Bereits damals begannen die Recherchen zur Geschichte des Klapperfelds. Im Zuge dieser ersten Beschäftigung mit der Thematik wurde für »Faites votre jeu!« immer klarer, dass eine grundlegende und kontinuierliche Auseinandersetzung mit der gesamten Geschichte des Klapperfelds unabdingbar für eine Nutzung wäre.

Maja Koster vom Arbeitskreis Geschichte erinnert sich: »Ernstgenommen wurden wir mit unseren Bedenken nur von Wenigen. Während die Zweifel in der Presse auf ein ›Hausbesetzern ist Gefängnis zu klein‹ herunter gespielt wurden, erklärten die Vertreter_innen der Stadt, kein Verständnis für derartige Bedenken zu haben.«

Nach nächtelangen Diskussionen einigten man sich letztendlich auf den Umzug. Der Arbeitskreis zur Geschichte gründete sich und im Juli 2009 wurde auf der ersten öffentlichen Veranstaltung im Klapperfeld die vorläufigen Ergebnisse der geschichtspolitischen Auseinandersetzung vorgestellt. Im August eröffnete der erste Teil der Dauerausstellung mit dem Schwerpunkt auf der nationalsozialistischen Vergangenheit des Klapperfelds.

Die Erweiterung der Dauerausstellung

Als Ergebnis eines ersten erfolgreichen Jahres im Klapperfeld eröffnete am 19. September 2010 die vollständig überarbeitete und umfangreich erweiterte Dauerausstellung zur Gefängnishistorie. Neu hinzu gekommen Ausstellungsteile befassen sich mit der Errichtung des ehemaligen Polizeigefängnisses Ende des 19. Jahrhunderts und den Veränderungen des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Prinzip der Haft in dieser Zeit. Außerdem wird die Geschichte des Klapperfelds in der Weimarer Republik behandelt. Kern der Ausstellung ist auch weiterhin die Rolle des Polizeigefängnisses während des Nationalsozialismus‘. Im Klapperfeld wurden in dieser Zeit zahlreiche Verfolgte des nationalsozialistischen Regimes inhaftiert, gefoltert und manche sogar ermordet. Viele Inhaftierte wurden von dort in verschiedene Konzentrationslager oder in andere Gefängnisse verschleppt. Im Zuge der Darstellung dieses wohl grausamsten Teils der Vergangenheit des Klapperfelds wird sowohl auf einzelne Biografien von Gefangenen, als auch auf deren »Gefängnis-Alltag« eingegangen. Einen weiteren neu hinzugekommenen Aspekt der Dauerausstellung stellt die Nutzung des Klapperfelds durch die US-Army während der Entnazifizierung in Frankfurt dar.

Die erweiterte Dauerausstellung befindet sich im Keller des Klapperfeld und besteht aus knapp 40 Tafeln und ebenso vielen zeitgenössischen Dokumenten und Fotos und zwei videografischen Interviews mit den Zeitzeug_innen Ria und Wolfgang Breckheimer sowie Hans Schwert. Darüber hinaus informieren in der Ausstellung 76 Kurzbiografien über die Lebenswege einzelner Inhaftierter und ihre Verfolgung im Nationalsozialismus. In einer Namensliste sind außerdem 482 weitere Gefangene aufgeführt, die zwischen 1933 und 1945 im Klapperfeld inhaftiert waren und zu denen bisher keine weiteren Informationen vorliegen. Ein Zeitstrahl im Erdgeschoss des Gebäudes stellt auf fragmentarische Weise die Gefängnishistorie von der Entstehung und dem Bau des Klapperfelds bis zur Nutzung durch die Initiative »Faites votre jeu!« als selbstverwaltetes Zentrum dar.

Anlässlich eines Besuchs kommentierte Gottfried Kößler, stellvertretender Direktor des Fritz Bauer Instituts, die erweiterte Dauerausstellung und die Arbeit von »Faites votre jeu!«: »Wenn es einen ›authentischen Ort‹ gibt, dann ist es dieses ehemalige Gefängnis. Die feuchte, kalte Luft, die schäbigen Wände, die uralten Zellentüren und der lange Flur vermitteln ein Gefühl des Menschenfeindlichen. In dieses Relikt der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Polizeigefängnis seit 1886 bis 2003, hat die Initiative ›Faites votre jeu!‹ einen gegenwärtigen Ort gebaut. Das ist gelungen durch Grundlagenrecherchen über die Häftlinge und die Wachmannschaften auf der einen Seite, die Etablierung eines funktionierenden selbstverwalteten Zentrums auf der anderen. Das sind die Grundlagen für Publikumsbindung. Es ist beeindruckend, dass es gelingt, über den Betrieb eines selbstverwalteten Zentrums das historische Interesse von Jugendlichen zu wecken, die dann ihre Lehrerinnen und Lehrer überzeugen, die Ausstellung über die Geschichte des Gefängnisses zu besuchen. Die Ausstellung selbst ist auf die Erzählungen von Zeugen bzw. auf die Dokumentation von Biografien zentriert, es geht also um Erfahrungsgeschichte, um die Handelnden in der Geschichte.«

Gastausstellung Frauen im Konzentrationslager 1933 – 1945. Moringen – Lichtenburg – Ravensbrück«

Parallel zur Eröffnung der erweiterten Dauerausstellung konnte als Leihgabe des »Studienkreis Deutscher Widerstand 1933 – 1945 e.V.« (www.studienkreis-widerstand-1933-45.de) für sechs Wochen auch die Gastausstellung Frauen im Konzentrationslager 1933 – 1945. Moringen – Lichtenburg – Ravensbrück« in den neuen Ausstellungsräumen im 1. Stock des Klapperfelds besucht werden. In diese Lager wurden auch im Klapperfeld inhaftierte Frauen gebracht. Die Ausstellung wurde von Hanna Elling, die als Widerstandskämpferin im KZ Moringen eingesperrt war, mit Unterstützung der Lagergemeinschaft Ravensbrück selbst erarbeitet. Auch wenn die Ausstellung inzwischen überarbeitet und künstlerisch und inhaltlich neu gestaltet wurde, bleibt ihr Prinzip die enge Zusammenarbeit von Überlebenden, deren Angehörigen und Forscher_innen, die gemeinsam dem Vergessen entgegenwirken wollen. Fotos, Dokumente und Erzählungen verleihen der Ausstellung etwas persönliches, die explizit sowohl die Vorgeschichte der Haft als auch deren Folgen für die Frauen mit einbeziehen will. Die Ausstellung stellt auf 22 Tafeln die Biographien von 51 Frauen vor, die in der NS-Zeit aus rassistischen, politischen, weltanschaulichen, religiösen und sozialen Gründen verfolgt wurden. Einen weiteren Zugang ermöglichen Lesemappen. Sie beschäftigen sich mit dem Widerstehen unter den Extrembedingungen der Konzentrationslager, mit medizinischen Experimenten an Frauen, mit der Situation von Kindern und Jugendlichen in Ravensbrück, mit der weitgehend tabuisierten Frage der Zwangsprostitution, mit der »Topographie des Terrors«, mit Täter_innen und mit der Befreiung von Ravensbrück. In Vitrinen können Handarbeiten und Gegenstände, die in Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück gefertigt wurden, betrachtet werden.

Helga Cremer-Schäfer, Professorin an der Frankfurter Goethe-Universität im Fachbereich Erziehungswissenschaften, sagte im Anschluss an einen Besuch mit den Teilnehmer_innen eines ihrer Seminare: »Die Biographien der Gastausstellung dokumentieren das politische Leben der Frauen. Sie zeigen nachdrücklich, dass die Deportationswege in die Lager auch durch die Gefängnisse führten, was die Dauerausstellung der Initiative noch einmal verdeutlicht. Die Ausstellungen im ehemaligen Gefängnis eröffnen einen besonderen Erfahrungsraum. Der Besuch des bis ins 21. Jahrhundert genutzten Gefängnisses Klapperfeld schärft den Blick für das, was durch Bestrafung und Internierung in Gefängnissen geschieht. Dieser Ort als Raum für vielfältige Erfahrungen sollte unbedingt erhalten bleiben.«

Ausblick

Mittlerweile ist das Klapperfeld zu einem wichtigen Zentrum für viele Menschen geworden. Die Räume werden für kritische, politische, künstlerische und kulturelle Arbeit genutzt. Das Programm ist vielfältig und so besuchten im letzten Jahr nicht nur jüngere Menschen das ehemalige Polizeigefängnis. Selbstverwaltet und unkommerziell organisiert finden verschiedenste Veranstaltungen von Zeitzeug_innengesprächen, Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen über Ausstellungen, Lesungen und Theateraufführungen bis hin zu Barabenden und Konzerten statt.

Eineinhalb Jahre nach dem Umzug ins Klapperfeld äußerte sich Maja Koster zum Verhältnis der Initiative zur Nutzung des ehemaligen Gefängnisses: »Trotz aller Bedenken, die wir bis heute haben, sind wir mittlerweile gerne im Klapperfeld. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte wird kontinuierlich fortgeführt. In den nächsten Monaten wollen wir verschiedene Themenfelder bearbeiten: Zum einen geht es uns um die Nutzung des Klapperfelds als Abschiebeknast ab den 1980er Jahren, zum andern um Repression und Kriminalisierung außerparlamentarischer, linker Bewegungen, von den Studierendenprotesten der späten 1960er Jahre bis heute. Natürlich werden wir auch unsere Forschungen zur nationalsozialistischen Vergangenheit des Gefängnisses weiterführen. Darüber hinaus stehen wir bereits wieder mit verschiedenen Gruppen und Institutionen in Kontakt, um weitere Wanderausstellungen ins Klapperfeld zu holen.«

Auch die öffentliche Wahrnehmung für das Projekt hat seit dem Umzug ins Klapperfeld, wohl nicht zuletzt wegen der geschichtspolitischen Auseinandersetzung, zugenommen. Auch über Frankfurts Grenzen hinaus ist das Klapperfeld mittlerweile als selbstverwaltetes Zentrum aber auch als »Ort kritischer historisch-politischer Auseinandersetzung« bekannt. Während sich vor dem Einzug von »Faites votre jeu!« kaum ein Mensch für die Geschichte des ehemaligen Gefängnisses in der Frankfurter Innenstadt interessierte, kommen mittlerweile Schulklassen und andere Gruppen zu vom Arbeitskreis Geschichte organisierten Führungen.

Im Rahmen der Berichterstattung über die Eröffnung der Ausstellungen ist Bewegung in die Auseinandersetzung um eine längerfristige Nutzung des Klapperfelds durch »Faites votre jeu!« gekommen und es gab auf Seiten der Stadt Positionen, welche eine längerfristige Nutzung in Aussicht zu stellen scheinen[1]. Allerdings stellt eine Verlängerung des Nutzungsvertrages um ein bis zwei Jahr nur eine sehr kurzfristige Perspektive dar.

Kris Johanson, der schon seit der Besetzung des JUZ Bockendem bei »Faites votre jeu!« dabei ist, sagte dazu: »Natürlich begrüssen wir zunächst, dass wir mittlerweile eine Vertragsverlängerung in Aussicht gestellt bekommen und damit unser Verbleib im Klapperfeld über den August 2011 hinaus möglich zu sein scheint.«

Angesichts relativ konkreter Abrisspläne und möglicher Vereinnahmungsversuche setzte er jedoch nach: »Den städtischen Vertreter_ innen sollte mittlerweile klar sein, dass wir weder einen Abriss des Klapperfelds einfach so hinnehmen, noch uns auf irgendwelche Vereinnahmungsstrategien einlassen werden. Wir nehmen unser selbstverwaltetes Projekt und die Auseinandersetzung mit dem Ort sehr ernst.«

Der Frage, ob die Initiative nach Ablauf des Nutzungsvertrages bereit sei, das Klapperfeld wieder zu verlassen, sollte der Vertrag nicht verlängert werden, erteilte Maja Koster eine deutliche Absage: »Der Stadt muss klar sein, dass nicht nur wir einen Abriss des Klapperfelds nicht tatenlos geschehen lassen werden. Das Interesse und die Unterstützung, die unser Projekt und unsere geschichtspolitische Auseinandersetzung erfahren, ist immens und sie reichen mittlerweile weit über die Grenzen Frankfurts hinaus. Das Klapperfeld ist ein wichtiger Ort geworden, als selbstverwaltetes Zentrum und als ›Ort kritischer historisch-politischer Auseinandersetzung‹. Ein Ersatzobjekt – wie damals in Bockenheim – kommt für uns nicht mehr in Frage. Es ist wohl an der Zeit, dass sich auf Seiten der Stadt endlich Gedanken über eine langfristige Nutzung des Klapperfeld durch die Initiative Faites votre jeu gemacht werden.«

[1] »Das Spiel geht weiter«, Frankfurter Rundschau vom 14.09.2010, http://www.fr-online.de/frankfurt/dasspiel-geht-weiter/-/1472798/4641758/-/index.html

Weitere Informationen zum Klapperfeld und der Nutzung durch »Faites votre jeu!«:

Website zur Geschichte des Klapperfelds:
www.klapperfeld.de

Website der Initiative »Faites votre jeu!«:
www.faitesvotrejeu.blogsport.de

Dokumentation zur erweiterten Dauerausstellung:

Die 44-seitige Dokumentation zur erweiterten Dauerausstellung bekommt man im Klapperfeld gegen eine Schutzgebühr von 3,– Euro.

Auf der Website des Klapperfelds gibt es die Broschüre aber auch kostenlos zum Download: http://www.klapperfeld.de/images/stories/Dokumentation_Dauerausstellung_Stand_September_2010_A4_web.pdf

Öffnungszeiten der Ausstellung

Die Ausstellung kann während allen öffentlichen Veranstaltungen im Klapperfeld besucht werden sowie jeden Samstag von 15 bis 18 Uhr. Schulklassen oder Gruppen, die die Ausstellung außerhalb der regulären Öffnungszeiten besuchen möchten, können gerne einen Termin für eine Führung vereinbaren. Ruft einfach an (0163 9401683) oder schreibt eine E-Mail ( Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ).

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