Pressespiegel

Das ehemalige Polizeigefängnis »Klapperfeld« in Frankfurt am Main 1886 – 2003

Artikel vom:
01.10.2010
Quelle:
GedenkstättenRundbrief
Autor:
Sarah Friedrich, Mirja Keller und Jörg Schmidt
Kategorie:
Zeitung

In der Ausgabe Nr. 157 des GedenkstättenRundbrief ist ein Artikel des Arbeitskreis Geschichte erschienen. Der GedenkstättenRundbrief erscheint sechs Mal im Jahr und wird von der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin herausgegeben.

GedenkstättenRundbrief Nr. 157, Oktober 2010

Die Initiative Faites votre jeu! besetzte Anfang August 2008 ein ehemaliges Jugendzentrum in Frankfurt – Bockenheim. Ein selbstverwaltetes Projekt entstand. Obwohl das Projekt gut angenommen wurde hat die Stadt Frankfurt mit der Räumung gedroht. Nach Verhandlungen mit Vertreter_innen der Stadt im Jahr 2009 entschied sich die Initiative das ehemalige Polizeigefängnis in der Klapperfeldstrasse 5 als Ausweichqaurtier anzunehmen.

Die Nutzung dieses Gebäudes konnte und kann jedoch nur in Verbindung mit einer kontinuierlichen, kritischen Auseinandersetzung mit der über 115jährigen Geschichte des ehemaligen Polizeigefängnisses stattfinden. Ein selbstverwaltetes Projekt entstand und zugleich etablierte sich ein Ort der Erinnerung.

1886 – Die Entstehung des Klapperfeldes

Das ehemalige Polizeigefängnis Klapperfeld in der Frankfurter Innenstadt erinnert an eine über 115 Jahre andauernde Gewaltgeschichte. Als Name für das Gefängnis setzte sich die Flur- und Straßenbezeichnung umgangssprachlich durch. Da im 15. Jahrhundert ein Pestilenzhaus auf dem Areal Klapperfeld stand, könnte der Namen im Zusammenhang damit stehen. Die Kranken mussten ihr kommen meist mit dem Aneinander schlagen von Hölzern ankündigen.

Nach einer langen Planungsphase entstand Mitte des 19. Jahrhunderts, noch vor der Eingliederung der Freien Stadt Frankfurt in den preußischen Staatsverband, das neue Polizeipräsidium mit angegliedertem Polizeigefängnis . Fertiggestellt wurde es jedoch erst im Jahre 1886, also nach der Annektion Frankfurts durch Preußen1. Das Gefängnis gliederte sich in einen Männer- und einen Frauentrakt. Die Haftzellen, in denen über 200 Personen untergebracht werden konnten, befanden sich auf drei Stockwerken.

Im Vergleich zu der Haftstrafe in frühmodernen Gefängnissen zeichnete sich das Leben im Gefängnis stärker durch strenge Verhaltensregeln aus. Häftlinge sollten sich durch Disziplin, Sauberkeit, eine strenge Arbeitsmoral und christliche Tugenden bessern. Die Mittel zur Umsetzung dieser Gefängnis-Standarte sollten ständige Überwachung und Isolation sein. Unrechtmäßige Handlungen sollten durch Strafen fühlbar gemacht werden und zur Abschreckung weiterer Taten dienen. Der gefühlte Schmerz nach einer unrechtmäßigen Handlung beruhte auf dem Prinzip der allgemeinen Prävention. Es herrschte eine militärische Atmosphäre2.

Nach mehreren Eingemeindungen in die Stadt Frankfurt erweiterte sich das Zuständigkeitsgebiet des Frankfurter Polizeipräsidiums. Infolge dessen sollte eine Erweiterung des Präsidiums vorgenommen werden, was jedoch in der Klapperfeldstraße nicht zu realisieren war. Das Polizeipräsidium wurde somit 1914 in die Hohenzollernstraße, heute Friedrich-Ebert-Strasse, verlegt und das alte Präsidium neben dem Polizeigefängnis Klapperfeld wurde an das Oberlandesgericht übergeben3. Das Polizeigefängnis in der Klapperfeldstraße wurde jedoch weiterhin als Haftanstalt genutzt.

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Die Dauerausstellung über die Geschichte des ehemaligen Polizeigefängnises Klapperfeld mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus

Das Gefängnis in der Weimarer Republik

Zu Anfang der Weimarer Republik veränderte sich das Gefängniswesen und damit auch der Gefängnis – Alltag im Klapperfeld in verschiedener Hinsicht. Das Resozialisierungsprinzip wurde in die Weimarer Gefängnisvorschriften etabliert, ein Stufensystem für Gefangene mit längeren Haftstrafen (mindestens 1 Jahr) wurde geschaffen und in der Wahrnehmung der Kriminalität wurde die Definition der »unverbesserlichen Straftäter« formuliert. Das Stufensystem erfüllte durch das Versprechen verschiedener Vergünstigungen während des Haftaufenthaltes eine repressive Funktion. Die Angst vor Abstiegmöglichkeiten und dem Verlust der Vergünstigungen im Gefängnisalltag stellten ein disziplinarisches Druckmittel dar. Die Definition des »unverbesserlichen Straftäters« zeugt von der Reduzierung sogenannten gesellschaftlich abweichendem Verhalten auf biologische Faktoren. Die meisten Gefängniswärter setzten weiterhin auf strenge militärische Ordnung und Disziplin4. Zudem kam es im Zuge der Wirtschaftskrise zu einem Abbau des Weimarer Wohlfahrtsstaates, Staatszuschüsse für Strafanstalten wurden reduziert, und somit die Grundversorgung wie Kleidung, Verpflegung und medizinischer Betreuung gekürzt.

Es bestand der allgemeine Trend in den frühen dreißiger Jahren hin zu einem stärker autoritär geprägten Strafvollzug. Die Weimarer Republik hinterließ den Nationalsozialisten ein Erbe mit der Strenge in den Haftanstalten, sowie der biologisch begründeten Definition der »Unverbesserlichen Straftäter«, auf dem die Struktur und Organisation der NS-Gefängnisse, in unserem Fall des Polizeigefängnisses Klapperfeld, aufgebaut werden konnten.

1933 – 1945 – Das Klapperfeld als Ort nationalsozialistischer Verfolgung

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Klapperfeld von Polizei und Geheimer Staatspolizei (kurz: Gestapo) weiterhin als Haftanstalt genutzt.

Aus kriminologischen, rassenideologischen und politischen Gründen wurden verschiedene Gefangenengruppen inhaftiert, wie beispielsweise politische Gegner_innen, so genannte »Asoziale«, Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma, Homosexuellen, Zwangsarbeiter_innen, Prostituierte und Kriegsgefangene. Die Frankfurter Gestapo nutzte das Klapperfeld um Menschen zu inhaftieren, zu verhören und um zu foltern.

Im Zuge der Verfolgung verhaftete die Gestapo die Betroffenen direkt auf offener Straße oder lud sie unter oft falschen Anschuldigungen zu einem Verhör zunächst in die Gestapo-Zentrale im Polizeipräsidium und später ab 1941 in das Dienstgebäude der Gestapo in der Lindenstraße 27 vor. Sie verfügte in Bezug auf ihre Handlungen über eine nahezu unbegrenzte Eigenmacht.

Nach den Verhören oder auch direkt nach der Verhaftung durch die Gestapo, wurden die Betroffenen meist in das Polizeigefängnis Klapperfeld gebracht und dort inhaftiert. Nach der Ankunft im Polizeigefängnis wurden das mitgeführte Eigentum der Betroffenen an der Aufnahme aufgelistet, und Koffer, Geld, Wertsachen etc. einbehalten.

Die Zellen, in welchen die Betroffenen inhaftiert wurden, hatten meist eine Größe von ca 1,65 × 3,00 m. In den Zellen befand sich ein Klappbett mit einem Holzwollsack, der mit Wanzen und Läusen voll war. Auf dem Bett lag meist eine graue Wolldecke. Ein Kübel für die Notdurft befand sich in einer Ecke der jeweiligen Zelle. Ein kleiner Holzhocker, ein kleiner Tisch und ein kleines Regal zum Ablegen der Waschsachen, sowie eine Waschschüssel und ein Metallbecher zum Trinken befanden sich in einer Zelle5. Der Tag im Gefängnis begann meistens um vier Uhr in der Früh. Die diensthabenden Wachtmeister_innen weckten um diese Uhrzeit das Küchenpersonal. Das Küchenpersonal bestand meistens aus Mädchen des Frauengefängnisses in Höchst, welche von dem dortigen Polizeihauptmann ausgewählt worden sind.

Gegen fünf Uhr wurden alle anderen Gefangenen geweckt. Als erstes mussten die Kübel im Kübelraum geleert und gereinigt werden. Nach dem Kübel leeren wurde Waschwasser geholt und die Zelle gereinigt.

Die unterschiedlichen Gefangenengruppen wurden jedoch in unterschiedlicher Weise mit den Härten des Gefängnislebens im Nationalsozialismus konfrontiert. Im 3. Stock des Polizeigefängnisses befand sich die sog. Judenabteilung, die ausschließlich der Gestapo unterstand6. Die Gefangenen wurden dort in kleinen Drahtkäfigen, die wiederum in einer großen Gemeinschaftszelle zusammengeschlossen waren, inhaftiert.

Das Polizeigefängnis Klapperfeld wurde darüber hinaus als Zwischenstation auf dem Weg in ein Arbeitserziehungs- oder Konzentrationslager genutzt7. Morgens nach dem Leeren der Kübel und dem Waschen, riefen die Wachtmeister_innen all diejenigen Namen auf, die zu Verhören zur Gestapo vorgeladen, entlassen oder in die Konzentrationslager nach Auschwitz, Ravensbrück oder Buchenwald deportiert werden sollten8.

»Alle diejenigen, die aufgerufen waren, wurden in einem Gemeinschaftsraum zusammengepfercht. In diesem war eine ganze Reihe von einzelnen Drahtkäfigen mit einem Mittelgang, und in diese Käfige und den Mittelgang wurde man, wenn man für den Abtransport oder die Gestapo bestimmt war, zwei Stunden im Dunkeln eingesperrt – denn diese Räume hatten blaue Fenster.«9

Befand man sich nicht unter den Aufgerufenen, bekam man gegen sechs Uhr Kaffee und ein trockenes Brot. Zwischen zehn und elf Uhr vormittags wurden die Frauen kurz auf den Hof gebracht. Die Männer machten ihren Rundgang zwischen fünf und sieben Uhr in der Früh. Täglich waren zwanzig Minuten Hofgang eingeplant. Es kam aber nicht selten vor, dass dieser ausfiel. Zwischen elf und zwölf Uhr wurde eine Suppe zum Mittagessen ausgeteilt. Eine dünne Wassersuppe mit ein paar Stücken Gemüse, ganz selten auch mal mit einem kleinen Stück Fleisch. Das Abendessen gab es um siebzehn Uhr nachmittags, meist einen dünnen Malzkaffee und ein Stück trockenes Brot, zweimal in der Woche etwas Weißkäse, zweimal in der Woche anstelle des Brotes einen Brei oder Nudeln10.

Mehrere Menschen verloren im Klapperfeld ihr Leben. Bernhardt Becker, Mitglied einer katholischen Jugendgruppe, sah sich im Klapperfeld zum Suizid gezwungen, um nicht unter Folter die Namen seiner Freunde verraten zu müssen. Theodor Creizenach wurde im Juni 1939 verhaftet und im Polizeigefängnis Klapperfeld inhaftiert. Er wurde am 24. Juni 1939 erhängt in seiner Zelle gefunden. Cäcilie Breckheimer wurde aus dem Klapperfeld nach Auschwitz deportiert und dort am 26. Juli 1943 ermordet.

Unterdessen versuchten Angehörige der Inhaftierten, die sich stundenlang vor dem Klapperfeld aufhielten, Informationen über diese herauszufinden. Häufig wurde durch Pfiffe versucht, Kontakt von außen aufzunehmen. Hin und wieder gelang es aber auch eine geschriebene Botschaft aus dem Gefängnis zu schmuggeln.

Im März 1945 erreichte die US-Armee Frankfurt am Main. Kurz vor Ankunft der US-Armee bereitete die Gestapo die Räumung des Gefängnisses Klapperfelds vor. Zwischen dem 23. und 24. März 1945 wurden 49 Frauen, die im Klapperfeld inhaftiert waren, mit der Bahn nach Hirzenhain (Oberhessen) in das Arbeitserziehungslager auf dem Gelände der Breuer-Werke verschleppt. Auf dem Weg in das Lager konnten fünf von ihnen fliehen. Die Frauen waren Zwangsarbeiterinnen aus Russland, Polen, Frankreich, Luxemburg und Deutschland. Zwei Tage nach ihrer Ankunft wurden die Frauen im Wald in der Nähe von Glashütten ermordet11.

Nach 1945 – Gewahrsam und Abschiebehaft im »Klapperfeld«

Nach Beendigung des Krieges nutzte die amerikanische Militärregierung das Klapperfeld als Haftanstalt. Insgesamt waren im Mai 1945 615 Personen im Polizeigefängnis Klapperfeld inhaftiert12.

Nach der Gründung der Bundesrepublik wurde das alte Polizeigefängnis weiterhin als Gefängnis genutzt. Inhaftiert wurden in dieser Zeit jedoch nicht nur straffällig gewordene Erwachsene, sondern auch Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. In Zusammenarbeit mit der Polizei nutzte die Abteilung »Heimatlose Jugend« des Frankfurter Jugendamtes das Polizeigefängnis zur Unterbringung von sogenannten »entwichenen Fürsorgezöglingen«. Minderjährige sollten laut Jugendamt nicht länger als 3 Tage ins Klapperfeld eingesperrt werden. Aus den historischen Dokumenten geht jedoch hervor, dass auch längere Inhaftierungen vorgenommen wurden. Der letzte Verweis auf die Ingewahrsamnahme von Kindern und Jugendlichen im Polizeigefängnis findet sich in einem Aktenvermerk aus dem Jahre 1961.

Während der Studierendenproteste der 1960er Jahre gewann das Polizeigefängnis aufgrund der hohen Zahl von Verhaftungen erneut an Bedeutung. Auch bei Protesten in den darauf folgenden Jahrzehnten wurden zahlreiche Demonstrant_innen in vorübergehenden Gewahrsam genommen, wie zum Beispiel während der Proteste gegen die Startbahn West.

Neben der Inhaftierung von Demonstrierenden und straffälligen Menschen, wurde das Polizeigefängnis Klapperfeld seit den 1980er Jahren bis vermutlich 2003 auch als Abschiebegefängnis genutzt. Bezeichnend ist der Umstand, dass die illegalisierten Flüchtlinge in den viel zu kleinen und dunklen Zellen ihr Dasein fristen mussten. Die Abschiebung bedeutet für die Flüchtlinge in der Regel den Weg in Armut, Verfolgung, Folter, Krieg oder gar den Tod. Trotz der Tatsache, dass selbst von offizieller Seite anerkannt wurde, dass die Haftbedingungen nicht den Mindestanforderungen entsprachen und schon Ende der 1950er Jahre über eine Schließung diskutiert worden war, ist das Klapperfeld erst im November 2001 – in Zusammenhang mit der Fertigstellung des neuen Polizeipräsidiums an der Adickesallee – offiziell geschlossen worden. Deshalb erscheint es umso erstaunlicher, dass es verschiedene Hinweise gibt, die darauf schließen lassen, dass das Gefängnis deutlich länger genutzt wurde. So finden sich zum Beispiel in vielen Zellen Graffitis von Häftlingen, die auf die Jahre 2002 beziehungsweise 2003 datiert werden können.

Wie wurde das Klapperfeld zum Ort der Erinnerung? – »Faites votre jeu« im ehemaligen Jugendzentrum Bockenheim

In der Nacht vom 2. auf den 3. August 2008 besetzte die Initiative Faites votre jeu! zusammen mit circa 200 Sympathisant_innen ein ehemaliges Jugendzentrum (JUZ) im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Das seit 2001 leerstehende Gebäude in der Varrentrappstraße 38 wurde besetzt, um der repressiven Umstrukturierung des städtischen Raums den Versuch eines selbstverwalteten, unkommerziellen Zentrums entgegenzustellen. Ziel war die Schaffung eines selbstverwalteten Kunst- und Kulturzentrums, welches Raum für verschiedenste politische, kulturelle und künstlerische Projekte und Veranstaltungen bieten sollte. Von Beginn an war die Kritik an den bestehenden Verhältnissen Teil des politischen Verständnisses von Faites votre jeu!, und Widerstandspraxen ein integraler Bestandteil des politischen Handelns.

Der Name Faites votre jeu! – der übersetzt so viel heißt wie »Machen Sie Ihr Spiel!« und von einem Ausspruch aus dem Roulette abgeleitet ist – sollte als Aufforderung an sich selbst und andere verstanden werden. Das Ziel, das mit diesem Ausspruch verbunden wird, ist die Entwicklung selbstbestimmter, emanzipatorischer Politik und Kultur.

Bereits am Tag nach der Besetzung begannen die Reparaturen und Renovierungsarbeiten in dem ehemaligen JUZ Bockenheim und schnell entwickelte sich ein vielfältiges Programm, das sich von politischen Diskussions- und Informationsveranstaltungen, Zeitzeugen_innengesprächen, über Ausstellungen und Filmabende bis hin zu Barabenden, Konzerten oder Parties erstreckte. Neben der Organisation von Veranstaltungen wurden Gemeinschafts-, Bar-, Konzert- und Veranstaltungsräume, ein Sport- und Trainingsraum, eine Küche, offene Ateliers, eine Werkstatt, ein Umsonstladen, ein Fotolabor, ein Medienraum und ein Band-Proberaum eingerichtet. Zahlreiche Gruppen und Einzelpersonen unterstützten die Initiative Faites votre jeu! und erklärten sich mit ihr solidarisch. Das Spektrum reichte von antifaschistischen und linken Gruppen über Studierendenvertretungen und Gewerkschaften, Professor_innen und Lehrbeauftragten verschiedener Hochschulen bis hin zu kulturellen und künstlerischen Projekten.

Die Stadt Frankfurt, unter deren Verwaltung das Haus in den letzten sieben Jahren dem voranschreitenden Verfall preisgegeben war, erstattete Anzeige gegen die Besetzer_innen. Von einer sofortigen Räumung wurde jedoch abgesehen und nach ersten Gesprächen räumten sie eine Duldung bis zum 15. Januar 2009 ein.

Ersatzobjekt Klapperfeld

Wohl aufgrund der breiten Unterstützung und der überwiegend positiven Berichterstattung über die Arbeit von Faites votre jeu! in der regionalen Presse sahen die Vertreter_innen der Stadt zunächst von einer zuvor angedrohten polizeilichen Räumung des ehemaligen Jugendzentrums in Bockenheim ab, obwohl sich die Initiative nicht bereit erklärte, das Gebäude ohne die Bereitstellung eines Ersatzgebäude zu verlassen. Nach erneuten Verhandlungen wurde der Initiative dann am 27. Januar 2009 das ehemalige Polizeigefängnis in der Klapperfeldstraße 5 als Ersatzobjekt angeboten.

Während auf städtischer Seite Einigkeit darüber bestand, das es sich hierbei um eine adäquate Lösung handelte, wurde bereits in den ersten Diskussionen unter den bei Faites votre jeu! aktiven Menschen klar, dass die Nutzung des ehemaligen Gefängnisses für viele zunächst kaum vorstellbar schien. Über die Geschichte dieses Ortes war zu diesem Zeitpunkt wenig bekannt. Zwar wussten die meisten – teils aus eigener Erfahrung – das bis vor einigen Jahren, besonders bei Demonstrationen, viele Menschen »kurzzeitig« dort inhaftiert worden waren. Darüber hinaus waren wenige hsitorische Fakten bekannt, zumal die Geschichte dieses Ortes auch in der Öffentlichkeit zuvor kaum eine Rolle gespielt hatte. Deshalb begann die Initiative umgehend mit Recherchen, um sich einen Überblick über die Geschichte des Ortes machen zu können. Je mehr über die Geschichte des ehemaligen Gefängnisses bekannt wurde, desto klarer wurde, dass die Nutzung des ehemaligen Polizeigefängnisses eine grundlegende Veränderung der bisherigen Arbeit bedeuten würde.

Darüber hinaus war es den Aktiven bei Faites votre jeu! ein wichtiges Anliegen, in Erfahrung zu bringen, was Menschen, die in diesem Bau der Verfolgung und Folter durch die Gestapo ausgesetzt waren, davon halten würden, wenn an diesem Ort plötzlich Diskussionsveranstaltungen und Lesungen, Ausstellungen und Theateraufführungen oder gar Konzerte und Parties stattfinden würden. Bereits am 1. Februar bestand die Möglichkeit ein Gespräch mit dem Zeitzeugen Hans Schwert zu führen, der von August 1936 bis August 1937 im Klapperfeld als KPD-Mitglied inhaftiert und dort von Gestapo und SS gefoltert worden war. Dieser bestärke die Initiative darin – wie auch die später interviewten Zeitzeug_innen Ria und Wolfgang Breckheimer – ihr Projekt im Klapperfeld fortzusetzen.

Nach nächtelangen Diskussionen entschied sich die Initiative am 6. Februar 2009 das ehemalige Polizeigefängnis Klapperfeld als Ersatzgebäude für das von ihr besetzte ehemalige Jugendzentrum Bockenheim anzunehmen. Einigkeit bestand bei Faites votre jeu! darüber, dass die Nutzung des Gebäudes nur in Verbindung mit einer kontinuierlichen, kritischen Auseinandersetzung mit der über 115jährigen Geschichte des ehemaligen Polizeigefängnisses stattfinden könne. Um dieser Überlegung gerecht zu werden, gründete sich bereits vor dem Einzug Ende April der Arbeitskreis Geschichte, kurz AK Geschichte. Dieser arbeitet seitdem kontinuierlich an der Rekonstruktion der verschiedenen Epochen des ehemaligen Gefängnisses.

Vorläufige Ergebnisse dieser Arbeit wurden bei der ersten öffentlichen Veranstaltung in der Klapperfeldstraße am 1. Juli 2009 vorgestellt. Am 9. August 2009 folgte die Eröffnung der Dauerausstellung zur Knasthistorie, die im Keller der Klapperfelds besucht werden kann. Schwerpunkt dieser Ausstellung ist die Nutzung des Klapperfelds durch die Gestapo in der Zeit des Nationalsozialismus.

Organisation und Angebote im Klapperfeld – Plenum und Veranstaltungen

Neben der Dauerausstellung gibt es im Klapperfeld ein vielfältiges Angebot an Veranstaltungen wie Zeitzeugengesprächen, Diskussionsrunden, Lesungen, pädagogischen Seminartage und Führungen. Die gesamte Organisation des Veranstaltungsangebots, aber auch alle Fragen zu Gestaltung des Raums und der Nutzung werden von allen, die sich bei Faites votre jeu! und im Klapperfeld engagieren auf dem gemeinsamen, wöchentlichen Plenum im Sinne des Konsensprinzips diskutiert und beschlossen. Am Plenum kann sich jede_r beteiligen und die Räume im Klapperfeld stehen grundsätzlich allen offen, die diese für Veranstaltungen nutzen wollen. Jede_r kann seine Ideen auf dem Plenum vorstellen und diskutieren. Die Maßgabe hierfür ist einzig, das kein kommerzieller Anspruch mit den Veranstaltungen verbunden sein darf und Antisemitismus, Homophobie, Nationalismus, Rassismus, Sexismus und andere menschenverachtende Positionen nichts im Klapperfeld verloren haben.

Im Klapperfeld treffen die Ideen zur Organisation eines selbstverwalteten Zentrums und die geschichtspolitische Auseinandersetzung aufeinander und machen so die Besonderheit und die Stärke des Klapperfelds aus. Durch die Verbindung eines selbstverwalteten, politischen Zentrums mit der Arbeit des AK Geschichte im Klapperfeld als einen Ort der Erinnerung, greifen politisch, emanzipatorische Ansprüche, ein gemeinsam organisiertes Miteinander, historische Forschung und geschichtspolitische Auseinandersetzung ineinander. So ist ein Ort entstandenn in dem einerseits Geschichte erfahrbar wird und gleichzeitig Möglichkeiten und Experimentierfelder zur politischen Gestaltung der Gegenwart eröffnet werden.

Eine weitere Besonderheit neben der Organisation des Klapperfelds, sind kostenlose Veranstaltungen, Ausstellungen und eines pädagogische Angebot. Dieser Entscheidung liegt der Wunsch zu Grund einen Ort mit der historischen Bedeutung und Geschichte des Klapperfeldes jedem Menschen, unabhängig seiner finanziellen Möglichkeiten zugänglich zu machen. Das gesamte Projekt finanziert sich ausschließlich über Spenden und niemand im Klapperfeld wird für sein Engagement bezahlt. Besucher_innen und Freunde_innen spenden was sie können und möchten – was sehr gut funktioniert. Bei öffentlich angekündigten Renovierungstermine bringen sich darüber hinaus immer wieder Menschen mit Fachkenntnissen bei der Gestaltung und Erweiterung der Räume ein.

In Planung befinden sich weitere Möglichkeiten das Klapperfeld zu unterstützen. Wie zum Beispiel eine Dokumenten- und Bücherwunschliste zur Unterstützung des AK Geschichte.

Die Dauerausstellung zur Geschichte des Klapperfelds

Im Mittelpunkt des Klapperfeldes als Ort der Erinnerung, steht die Dauerausstellung zur Zeit des Gefängnisses im Nationalsozialismus, die im Keller des Gebäudes aufgebaut ist. Diese ist als »work in progress« zu begreifen und wird in regelmäßigen Abständen mit den neuesten Erkenntnissen erweitert. Die nächste Erweiterung ist für den 19. September 2010 vorgesehen und wird die Themenfelder der besonderen Bedeutung von Gestapo-Gefängnissen, den »Gefängnisalltag« zwischen 1933 und 1945 und Biographien von Inhaftierten enthalten. Einführend wird die Dauerausstellung mit einem neuen Teil über die Planung und Bau des Klapperfelds im 19. Jahrhundert und die Nutzung bis einschließlich der Weimarer Republik ergänzt.

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Direkt nach dem Einzug von Faites votre jeu! im April 2009 befestigten Mitglieder Bettlacken an der Fassade. Die Initiative Faites votre jeu! verbindet mit dieser »Ausbruchszene« den Aufruf, bestehende, repressive Verhältnisse zu überwinden.

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Hans Schwert berichtet in einem Video über seine Inhaftierung als KPD-Mitglied im Polizeigefängnis Klapperfeld.

In Zukunft sollen auch weitere Epochen der Nutzung des ehemaligen Polizeigefängnisses – in zu ergänzenden Ausstellungen – Raum erhalten. Ebenfalls werden ab September 2010, verschiedene externe Ausstellungen in den Räumen des Gebäudes zu Gast sein. Zu den jeweiligen Themenfelder organisiert der AK Geschichte inhaltliche Begleitveranstaltungen.

Monatlich erscheint ein gedrucktes Programm, das über die Veranstaltungen im Klapperfeld informiert und an verschiedenen Orten in Frankfurt und Umgebung ausliegt. Außerdem kann es jeder Zeit auf der von Faites votre jeu! und dem AK Geschichte konzipierten und realisierten Website www.klapperfeld.de abgerufen werden. Darüber hinaus kann hier die gesamte Dauerausstellung auch online besucht werden – auch die Videoaufnahmen der Zeitzeug_innengespräche können dort abgerufen werden. Außerdem können die Audiomitschnitte verschiedener Vorträge, Lesungen und Zeitzeug_innengesprächen, die im Klapperfeld stattgefunden haben, im Veranstaltungsarchiv nachgehört werden.

Das pädagogische Angebot

Zu einem Herzstück der geschichtspolitischen Auseinandersetzung im Klapperfeld hat sich das pädagogische Angebot entwickelt. Dem muss voran gesetzt werden, dass es zu keiner Zeit Werbung für ein solches Angebot an Schulen oder Institutionen gab. Durch die Veranstaltungen im Zusammenhang mit dem selbstverwalteten Zentrum fühlen sich viele junge Menschen angesprochen, die großes Interesse an der Geschichte des Gebäudes zeigen und ihre Lehrer_innen oder sozialpädagogischen Begleiter_innen auf das Klapperfeld aufmerksam machen. Auch die regionale Presse berichtet in regelmäßigen Abständen über das Geschehen im ehemaligen Polizeigefängnis und trägt damit zu dem gesteigerten Interesse einer breiteren Öffentlichkeit bei. Wegen entsprechender Anfragen nach begleiteten Ausstellungsbesuchen und Führungen durch das Gebäude wurde ein pädagogisches Konzept für Seminartage und Führungen im Klapperfeld entwickelt.

Vor jeder Terminvereinbarung wird ein ausführliches Telefonat mit den Begleiter_innen geführt. Informationen über die Erwartungen, Besonderheiten sowie Bedürfnissen der Gruppen und ihr historisches Vorwissen werden dabei ausgetauscht. Auf dieser Grundlage werden daraufhin die Schwerpunktthemen und der Ablauf geplant. Die Struktur der Besucher_innengruppen sind vielfältig. Sie reichen, von den 9. Klassen einer Förderschule über Geschichtsleistungskurse, Projektgruppen sozialer Träger bis zu interessierten Gruppen mit Teilnehmenden jeden Alters.

Alle diese Angebote werden von mindestens zwei Begleiter_innen aus dem Klapperfeld betreut, um die Besuchergruppe bei Bedarf aufteilen oder auf emotionalen Bedürfnisse Einzelner intensiver eingehen zu können. Zu Beginn eines Studienausfluges durch das Klapperfeld wird die Initiative Faites votre jeu!, mit ihrem Konzept der Selbstverwaltung und den Ideen eines politisch emanzipatorischen Umgang miteinander vorgestellt und in Verbindung mit dem Anspruch an eine historische Auseinandersetzung mit der Gefängnisgeschichte gebracht. Anschließend werden die verschiedenen Epochen der Nutzung des Gebäudes kurz vorgestellt – von der Herkunft des Namens Klapperfeld, über Planung und Bau, Weimarer Republik, die Nutzung durch die Gestapo im Nationalsozialismus, weiter zur Nutzung in der Bundesrepublik Deutschland bis zu der Zeit als Abschiebegefängnis und der endgültigen Schließung 2003. Welche Themen in die Gewichtung und mit welcher Intensität in die Führung und Diskussionen einfließen, wird bei den Vorgesprächen festgelegt. Der Schwerpunkt aber liegt auf der Bedeutung des Klapperfeldes als Haftanstalt während des Nationalsozialismus. Der auf Grund hierfür ist die Einzigartigkeit dieses Zivilisationsbruches und der Wichtigkeit des zugänglich Machens von Informationen über diese Zeit.

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Zellen im 2. Stock des Gebäudes. Dieser Trakt wurde von den 1980er Jahren bis zur Schließung 2002/3 zur Inhaftierung von Abschiebehäftlingen genutzt.
Alle Fotos: AK Geschichte der Faites votre jeu!

Vortrag und Gang durch das Gebäude beginnen meist bei den im Originalzustand erhalten Zellen im Erdgeschoss, wenden sich dann der ehemalige sogenannte Judenabteilung im dritten Stock zu, begeben sich anschließend in den ehemaligen Gefängnishof und enden mit dem Besuch der Dauerausstellung in der Mitte des Kellers. Auf diesem Weg gibt es eine Auseinandersetzung mit der Machtergreifung und der Gleichschaltung durch das NS-Regime, mit der Verfolgung der verschiedenen Opfergruppen, mit der Organisation der Gestapo, mit verschiedenen Formen des Widerstandes, mit der Bedeutung von Zwangsarbeit und »Knastalltag« und zuletzt der Auflösung des Gefängnisses und dem Einmarsch der Alliierten.

Abschließend, am Ende eines jeden Studientages im Klapperfeld, findet ein gemeinsames Gespräch über das Gesehene und Erlebte statt. Spätesten hier fließen nochmal Gedanken der Teilnehmenden zu aktuellen Bezügen, der Bedeutung von Gefängnis und Ausgrenzung in einer Gesellschaft sowie der Schaffung von Normen und Abweichungen ein.

Häufig betonen Lehrer_innen und Sozialpädagog_innen Grund für ihr großes Interesse am »Klapperfeld« und dem dortigen Angebot sei die Vermittlung und Vorstellung der besonderen Verbindung zwischen einem selbstverwalteten Projekt und einem Ort der Erinnerung. Darüber hinaus schätzen sie, dass das ehemalige Polizeigefängnis mit seiner Geschichte und der zentralen Lage mitten in der Frankfurter Innenstadt mit seinem Angebot eine gut Möglichkeit zum anschaulichen Einstieg in die Thematik und die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit bietet.

Faites votre jeu! im Klapperfeld ist der lebendige Versuch einer aktiven, kritischen Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart einen kontinuierlichen Raum zu geben!

Wenn Ihr Interesse an dem Veranstaltungsprogramm des Klapperfeldes, an Seminarausflügen und Führungen geweckt worden ist oder sie Informationen und Anregungen für uns haben, freuen wir uns. Auch an einem Austausch und der intensiveren Zusammenarbeit mit anderen Gedenkstätten haben wir großes Interesse.

Faites votre jeu!
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Telefon 0163 9401683

Diplom-Pädagogik Studentin Sarah Friedrich, Dipl. Pol. Mirja Keller und Jörg Schmidt haben an der Instandsetzung des alten Polizeigefängnisses Klapperfeld mitgewirkt. Sie beteiligen sich aktiv im AK Geschichte von Faites votre jeu! und haben in diesem Rahmen an der Erarbeitung der Dauerausstellung teilgenommen. Weiterhin sind sie mitverantwortlich für die darauf aufbauende Bildungsarbeit.

  1. Vgl. http://www.kmffm.de/polizeigewahrsam.html [zurück]
  2. Vgl. Nikolaus Wachsmann, Gefangen unter Hitler, München 2006, S. 17ff [zurück]
  3. Vgl. http://www.kmffm.de/polizeigewahrsam.html [zurück]
  4. Nikolaus Wachsmann, Gefangen unter Hitler, München 2006, S. 39ff [zurück]
  5. Vgl. Klaus Otto Nass, Elsie Kühn-Leitz. Mut zur Menschlichkeit, Bonn 1994, S. 50f [zurück]
  6. Monica Kingreen, Gewaltsam verschleppt aus Frankfurt, S. 383; in: Monica Kingreen, »Nach der Kristallnacht«, Frankfurt 1999 [zurück]
  7. Monica Kingreen, Gewaltsam verschleppt aus Frankfurt, S. 383; in: Monica Kingreen, »Nach der Kristallnacht«, Frankfurt 1999 [zurück]
  8. Ebd. S.56 [zurück]
  9. Ebd. S.56 [zurück]
  10. Ebd., S. 52ff [zurück]
  11. Michael Keller, „Das mit der Russenweibern is erledigt“ Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit, Massenmord und Bewältigung der Vergangenheit in Hirzenhain zwischen 1943 und 1991, Friedberg 1991. [zurück]
  12. Institut für Stadtgeschichte, Magistratsakten Sig. 5.887 [zurück]

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