Pressespiegel

Kein Licht am Ende des Tunnels: Naziterror und antifaschistische Arbeit in Russland

Artikel vom:
27.04.2010
Quelle:
AStA-Zeitung (Uni Frankfurt)
Autor:
Marija Afa
Kategorie:
Zeitung

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Am 16. April 2006 griffen sechs Neonazis im Süden von Moskau den 19-jährigen Alexander Rjuchin und dessen Freund Jegor Tomskij mit Messern an. Beide waren auf dem Weg zu einem Konzert. Jegor gelang es zu fliehen, Alexander starb infolge schwerer Verletzungen noch am Tatort. 

Am 16. März 2008 ist der 16-jährige Alexej Krylow mit sechs seiner Freund_innen auf dem Weg zu einem Punk-Konzert. An einer Metro-Station im Moskau lauern ihnen mindestens 15 Nazis auf und überfallen sie. Alexej stirbt noch vor Ort an mehreren Messerstichen. Eine Freundin von ihm bleibt nur deshalb von lebensgefährlichen Verletzungen verschont, da die Messerstiche in ihren Rücken ihren Rucksack nicht durchdringen konnten.

Am 28. Juni 2008 töteten Nazis während eines Überfalls den in Moskau lebenden Antifaschisten Ilja Dshaparidse.

Am am 10. Oktober 2008 wurde Fjedor Filatov, einer der Mitbegründer der »Moskauer Trojan Skin Bewegung«, vor seinem Haus von einer Gruppe Nazis aufgelauert und erstochen. Die »Moskauer Trojan Skins« bekannten sich seit ihrer Gründung offen zum Antifaschismus.

Am 19. Januar 2009 wurde der libertäre Aktivist und Anwalt Stanislav Markelov und die Antifaschistin und Journalistin Anastasia Baburova nach einer Pressekonferenz von Nazis in Moskau auf offener Straße erschossen.

Am 16. November 2009 wurde in Moskau der 26-jährige Antifaschist Iwan Chutorskoi in seinem Hauseingang hinterhältig erschossen. Iwan organisierte immer wieder den Saalschutz bei antifaschistischen Konzerten, und führte Selbstverteidigungstrainings für Antifaschist_innen durch. Bereits zuvor hatte er zwei Mordanschläge von Nazis nur knapp überlebt.

Die hier aufgeführten Morde, die in den letzten Jahren von Nazis verübt wurden, bieten nur einen fragmentarischen Überblick über den faschistischen und rassistischen Terror in Russland. Es handelt sich bei diesen Taten um die wenigen faschistisch motivierten Verbrechen, die es – wenn auch oft nur als Randnotiz – in die deutschen und europäischen Medien geschafft haben. Allerdings wird der »politische« Hintergrund dieser Taten kaum erwähnt und die antifaschistische Arbeit der Opfer oft ganz verschwiegen. Die Morde werden in der Regel als Taten von Einzelpersonen oder kleinen Gruppen dargestellt und das gesamte Ausmaß der faschistischen und rassistischen Gewalt in Russland so verharmlost.

Damit übernehmen die hiesigen Presseorgane – bewusst oder unbewusst – die von den russischen Polizeibehörden und Regierungsvertreter_innen gewollte Lesart dieser Anschläge, die »politische Motivation« bei diesen Taten wird konsequent verschwiegen. In den offiziellen Statistiken tauchen sie nur als »gewöhnliche« Gewalttaten auf. Die Gefahr die Naziorganisationen und -parteien sowie militanten, gewaltbereiten Nazis ausgeht wird von staatlicher Seite in keinster Weise bekämpft. Die Ermittlung von Täter_innen findet selten statt und die Strafen fallen oft milde aus. Die von Sympathie für die rassistische und faschistische Ideologie reicht bis weit in die russische Gesellschaft. Besonders bei Teilen der russischen Polizei und Miliz wird daraus kaum ein Hehl gemacht und viele sind Mitglied faschistischer Parteien und Verbände. Nicht wenige sind auch in militanten Nazigruppen organisiert.

Statistiken über rechten Terror in Russland sind auf offizieller Seite nicht zu finden, deshalb hat sich unter anderem das Informations- und Analysezentrum »Sova« zur Aufgabe gemacht, diese Verbrechen zu dokumentieren. Seit 2005 gibt diese Nichtregierungsorganisation (NGO) jährlich einen detaillierten Überblick über rechtsradikal motivierte Verbrechen – von Vandalismus, über Gewaltverbrechen, bis hin zu Mord und rechtsradikalem Terrorismus strukturiert die Organisation die Verbrechen nach Regionen und verschiedenen Opfergruppen.

Aktuelle Schätzungen gehen von weit über 300 verschiedenen faschistischen Gruppierungen in Russland aus – von  militanten Wehrsportgruppen, über sogenannte »Nationalbolschewisten« bis hin zu klassischen Naziparteien. Die Zahl von militanten, gewaltbereiten Nazi-Skins wird auf 60.000 bis 70.000 geschätzt, davon tausende alleine im Großraum Moskau. Allein im Jahre 2009 wurden in Russland mindestens 71 Menschen von Nazis ermordet und mindestens 333 Menschen bei Übergriffen teils lebensgefährlich verletzt. Opfer dieser faschistischen Gewalt sind immer noch in den meisten Fällen Menschen aus Zentralasien (29 getötet und 68 verletzt) und aus dem Kaukasus (11 Tote, 47 Verletzte). Zunehmend trifft die Gewalt jedoch auch Menschenrechtler_innen, Gewerkschafter_innen oder organisierte Antifaschist_innen, aber auch »normale« Bürger_innen, die sich dem immer offener auftretendem Naziterror nicht einfach unterordnen wollen.

Erstmals ging die Zahl der Morde und Körperverletzungen seit der ersten Erhebung von »Sova«  im Jahre 2005 zurück (im Vergleich: 2008 wurden mindestens 109 Menschen getötet und mindestens 486 verletzt, 2007 waren es 653 Opfer rechter Gewalt und darunter 73 Tote). Allerdings spricht dies laut dem »Sova«-Bericht für das Jahr 2009 nicht für eine Entspannung. Vielmehr sieht die NGO darin eine Veränderung in der Organisierung von militanten Neonazis.

Während zu Beginn der Erhebung von »Sova« die rassistisch motivierten Gewalttaten und Morde an ethnischen Minderheiten den größten Raum einnahmen, nimmt seitdem die Zahl von Opfern aus dem Umfeld organisierter Antifaschist_innen, Menschenrechtler_innen und Gewerkschafter_innen zu. Während die Jagd auf Minderheiten und »Gastarbeiter_innen« geringerer Organisierung bedurften und oft zumindest den Anschein eher »spontaner Menschenjagden« hatten, sprechen die gezielten Anschläge auf Antifaschist_innen eine andere Sprache. Hier wird offensichtlich, dass auf Seiten militanter Nazigruppen in den letzten Jahren eine »Professionalisierung« stattgefunden hat, die diese gezielten und längerfristig geplanten Ermordungen politischer Gegner_innen erst möglich machte. Auch die Zunahme von Brand- und Sprengstoffanschlägen und die immer weiter verbreitete Verwendung von Schusswaffen bei den Anschlägen russischer Nazis belegen dies. Die zunehmende paramilitärische Organisierung, bezeichnet »Sova« als ultra-rechten Terrorismus.

Neben dem Bericht, zu rechter Gewalt, gibt »Sova« seit 2008 auch noch einen Bericht zum Missbrauch so genannter »Anti-Extremismus«-Gesetze heraus. Dieser macht deutlich, das entsprechenden Gesetze unter dem Deckmantel der »Terrorismusbekämpfung« und der »inneren Sicherheit« maßgeblich dazu genutzt werden, kritische Journalist_innen, Systemkritiker_innen und Antifaschist_innen zu kriminalisieren. Zur Bekämpfung neonazistischer Organisationen findet das Gesetz allerdings kaum Verwendung, vielmehr werden immer mehr antifaschistische Gruppierungen verboten.

Vom russischen Staat ist von antifaschistischer Seite also nichts Gutes zu erwarten und auch die immer »professionellere« Organisierung der Neonazis bedeutet Lebensgefahr für alle Menschen, die sich antifaschistisch organisieren. Gleichzeitig ist antifaschistische Organisierung und die Bekämpfung der russischen Faschisten auf allen Ebenen und mit allen Mitteln die einzige Chance, der Gewalt russischer Nazis etwas entgegen zu setzen. Deshalb sollte man die dortigen Strukturen von hieraus so gut es geht unterstützen, sei es durch Berichterstattung, Infoveranstaltungen oder Spenden.

Aufgrund dieser Situation findet am Montag, den 24. Mai im ehemaligen Polizeigefängnis »Klapperfeld« eine Soli-Veranstaltung für die antifaschistische Strukturen in Russland statt. Anlass ist die Abschiedstournee der russischen, antifaschistischen Hardcore-Band »What we feel«, die sich nach dieser Tour leider auflösen wird. Grund für die Auflösung ist die zunehmende Kriminalisierung der Band und ihrer Unterstützer_innen durch die »Anti-Extremismus«-Gesetze und die zunehmende Bedrohung durch Neonazis (siehe Erklärung von »What we feel«).

Um 18 Uhr wird die Dokumentation »Prinzip nenavisti« (Prinzip Hass; 26min, russisch mit deutschen Untertiteln) gezeigt. Anschließend informieren »What we feel« über Nazistrukturen und -gewalt in Russland und die dortige Antifa-Arbeit.

Um 20 Uhr beginnt das Kontert mit den »Stage Bottles« (Streetpunk aus Frankfurt). Anschließend treten »What we feel« leider zum aller letzten Mal in Frankfurt auf. Die gesamten Einnahmen des Abends kommen antifaschistischen Strukturen in Russland zu Gute.

Die Info-Veranstaltung und das Konzert finden im Hof des »Klapperfelds« (Klapperfeldstraße 5, 60313 Frankfurt) statt und beginnen pünktlich. Einlass ab 17.30 Uhr, im Hof wird außerdem gegrillt (Vegan & mit Fleisch). Bei Regen muss das Konzert leider in die Halle des Café ExZess (Leipziger Straße 5, 60487 Frankfurt) verlegt werden. Schaut dafür bitte ein bis zwei Tage vorher auf die Website von »Faites votre jeu!«: www.faitesvotrejeu.tk

Informations- und Analysezentrum »Sova«

http://www.sova-center.ru/
Direkt zur englischsprachingen Teil der Website:
http://xeno.sova-center.ru/6BA2468

Antifaschist Attidude

Film über antifaschistische Arbeit in Russland (83min, russisch mit englischen Untertiteln)
http://www.youtube.com/watch?v=ZNDHe1NLcc4
(Insgesamt acht Teile)

Infoveranstaltung und Konzert zu Gunsten russischer Antifa-Strukturen

Ehemaliges Polizeigefängnis »Klapperfeld«
Montag, 24, Mai 2010, Einlass: 17:30 Uhr
 

18 Uhr – Infoveranstaltung
Dokumentation »Prinzip nenavisti« (Prinzip Hass; 26min, russisch mit deutschen Untertiteln) Anschließend informieren »What we feel« über Nazistrukturen und -gewalt in Russland und die dortige Antifa-Arbeit.

20 Uhr – Konzert
Stage Bottles
(Streetpunk aus Frankfurt)
http://www.stagebottles.de/
What We Feel
(Hardcore aus Russland)
http://www.myspace.com/wwfhc
anschließend Punkrock-Barabend mit Marcel von den Stage Bottles

Weitere Infos:
www.faitesvotrejeu.tk

Erklärung von »What we feel«

Hallo an alle Freunde, Fans und Antifaschisten!

Leider müssen wir Euch mitteilen, dass sich WHAT WE FEEL dieses Jahr auflösen werden.

Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Die vergangenen fünf Jahre waren gewiss nicht immer einfach. Und wir möchten uns bei allen Leuten bedanken, die uns auf unserem Weg von konspirativen Shows bis zu Konzerten mit mehr als 500 und 600 Zuschauern und Touren durch Europa unterstützt haben. Auf diesem Weg haben wir Freunde gefunden, verloren und wurden von Nazis und Regierung bedroht. Wir haben aber auch viele neue Leute, Bands und Gruppen kennen gelernt, die unsere Ansichten und unseren Kampf gegen den Faschismus teilen. Dafür sind wir sehr dankbar. Auch wenn wir in einem Land leben, in dem es Gefahr für Freiheit und Leben bringt, die Wahrheit zu sagen und um Gerechtigkeit zu kämpfen, haben wir nie ein Blatt vor den Mund genommen.

Unglücklicherweise haben sich die Umstände für WHAT WE FEEL vollständig in das Negative gewandelt, seitdem die russische Regierung ihr »Extremismusgesetz« verabschiedet hat. Dieses »Extremismusgesetz« zielt nicht nur gegen Neonazis und Terroristen, sondern auch gegen jegliche oppositionelle Strömungen, zu der auch die antifaschistische Bewegung zählt. Da WHAT WE FEEL mit zu den bekanntesten Bands gehörte, die sich gegen Faschismus und Unterdrückung stark gemacht haben, gelten wir für die Staatsmacht nun als eine Band, die »Extremisten« unterstützt. Dies hat für uns und die Leute, die uns unterstützten weitreichende Konsequenzen. Auf fast allen unseren letzten Konzerten, einschließlich der nicht öffentlich beworbenen, sahen sich die Konzertveranstalter, die Konzertbesucher und wir selbst uns massiver Repressionen durch die Staatsgewalt ausgesetzt, obwohl wir uns nie etwas zu Schulden kommen haben lassen. Angefangen vom Erscheinen der Polizei, weil anonym über eine Bombe am Veranstaltungsort gewarnt wurde, verbunden mit der Evakuierung der gesamten Umgebung und Absage der Veranstaltung, über direkte Drohungen der Polizei gegen die Veranstalter bis hin zu erkennungsdienstliche Maßnahmen gegen Fans und Besucher, die in der neuen »Extremisten« Datenbank landeten. Einige Clubs wurden geschlossen. Einige Leute, die unsere Konzerte organisierten oder besuchten, bekamen massive Probleme mit der Polizei und dem Geheimdienst. Wir hatten seitdem wir die Band gründeten ständig Stress mit Nazis, wir mussten  ständig und immer auf der Hut vor ihnen sein. Die Hardcoreszene hatte es aber geschafft, sich gegen den Naziterror zur Wehr zu setzen und immer selbstbewusster Veranstaltungen durchzuführen und sich nicht einschüchtern zu lassen. Durch die aktuellen Repressionen des Staates sehen wir aber absolut keine Möglichkeit weiter aktiv zu bleiben, wir sehen uns jeder musikalischen Basis entzogen.

Wir versuchten zu jeder Zeit unseren Standpunkt zu verbreiten, dass Hardcore mehr als »nur« Musik ist. Wir hatten oft Angebote von unpolitischen, kommerziellen Konzertveranstaltern, wo wir aber mit Leuten zusammenarbeiten hätten müssen, die unsere Lebenseinstellung nicht teilten. Wir schlugen diese Angebote aus. Alle unsere Konzerte waren Benefiz- und Informationsveranstaltungen. Dadurch, dass wir nun praktisch keinerlei Konzerte mehr spielen können, verlieren wir unser Hauptbestreben, Dinge zu bewegen indem wir Musik spielen. Dies ist der Punkt an dem wir als Band nichts mehr erreichen können. Dies ist der hauptsächliche Grund warum wir uns auflösen und unsere Aktivitäten als WHAT WE FEEL einstellen.

Ein weiterer Grund ist, dass wir denken, das wir musikalisch alles erreichten wovon wir geträumt haben. Wir haben unseren Teil dazu beigetragen die russische Punk und Hardcore Szene weiter zu entwickeln und zu politisieren. Wir spielten mehr als 150 Benefiz Konzerte für die antifaschistische Bewegung in unserem Land und erhielten dafür Respekt und Anerkennung. Auf das zurückblickend, ist es immer besser auf dem Zenit aufzuhören als während des darauf folgenden Falls. Wir bewahren so unsere Freundschaft innerhalb der Band. Alles was wir bewältigten, ließ uns enger zusammenrücken. Wir haben das Gefühl, dass wir einen guten Job gemacht haben. Es ist nun Zeit diesen Abschnitt zu beenden.

Aber das wird letztendlich nicht das Ende sein. Wir werden weiterhin bestrebt sein die antifaschistische Bewegung soweit wie möglich zu unterstützen. Wir werden weiter politische Musik machen – vielleicht in anderen Bands. Dieses Jahr werden wir noch ein letztes Mal eine Benefiz-Tour durch Europa  und dazu einige Abschlusskonzerte geben. Zudem werden wir eine Compilation in Erinnerung an unseren guten Freund Ivan Khutorskoy, welcher am 16. November 2009 durch zwei Schüsse in den Hinterkopf von Nazis ermordet wurde, herausbringen, um seine Familie zu unterstützen.

Wir wollen uns bedanken und zollen Respekt zu allen in Deutschland, die uns über die gesamte Zeit unterstützen. Wir hatten hier immer das Gefühl, dass wir niemals allein gelassen wurden, sondern dass wir Seite an Seite einen gemeinsamen Kampf führen. Wir werden hier unsere Arbeit mit den Benefiz Gruppen fortsetzen, die die antifaschistische Bewegung in Russland unterstützen.

Weiterhin bedanken wir uns bei unseren Freunden in Russland, Weißrussland, Ukraine, Frankreich, Tschechien, Slowakei, Polen, Schweiz, Spanien, Bulgarien und allen Ländern für Freundschaft und Unterstützung.

Wir sind sehr stolz darauf, dass wir die Möglichkeit bekamen in all diesen  Ländern aufzutreten.

Sometimes Antisocial, Always Antifascist
Bob, Max, Dima, Mitia, Igor, Ches

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