Pressespiegel

Hausbesetzer im Gestapo-Knast

Artikel vom:
04.06.2009
Quelle:
Jungle World
Autor:
Jerome Seeburger
Kategorie:
Zeitung

Auch Orte, aus denen »Freiräume« werden, haben eine nationalsozialistische Vergangenheit, wie zwei Beispiele in Frankfurt am Main und Erfurt zeigen.

Jungle World Nr. 23, 4. Juni 2009

In Frankfurt am Main gibt man sich humorvoll, wenn es um Hausbesetzungen geht. »Es ist auch ein bisschen witzig, dass man die Besetzer ins Gefängnis bringt«, sagt Michael Damian, der als Referent der Bürgermeisterin Jutta Ebeling von städtischer Seite die Verhandlungen führte, im Gespräch mit der Jungle World. Der Initiative »Faites votres jeu!« (FVJ), die im August 2008 ein ehemaliges Jugendzentrum besetzt hatte, bot die Stadt im Januar einen außergewöhnlichen Ersatz an: das ehemalige Gefängnis Klapperfeldgasse in der Innenstadt. Zwar nahm FVJ das Angebot nur zögerlich an, im April bezog die Initi ative aber die Räumlichkeiten.

In dem Bau aus dem späten 19. Jahrhundert waren noch bis zum Jahr 2001 Menschen inhaftiert. In einem ersten Flugblatt des Geschichtsarbeitskreises (AK) von FVJ heißt es, dass das Gebäude in diesen letzten Jahren vor allem als Abschiebegefängnis benutzt worden sei. Von den Studentenprotesten in den Sechzigern bis zum Widerstand gegen die Startbahn West in den Achtzigern verbrachten auch viele Personen aus der linken Bewegung den Polizeigewahrsam dort. Dagegen ist die Zeit des Nationalsozialismus, in der die Gestapo in der Klapperfeldgasse Verhöre und Folter ungen durchführte, sehr schlecht dokumentiert, viele wichtige Akten wurden von den Nazis kurz vor Kriegsende vernichtet.

Damian sagt, dies sei ihm, obwohl er sich in der Stadt gut auskenne, vorher nicht bewusst gewesen. Der Jungle World bestätigt Cora*, eine Aktive von FVJ, die Unbedarftheit der städtischen Behörden: »Die waren sehr überrascht, dass wir Bedenken hatten, haben diese heruntergespielt und sind da ziemlich naiv herangegangen.« Eine große Unsicherheit hätte in der Initiative darüber bestanden, wie an einem solchen Ort die bisherige Arbeit fortgesetzt und die historische Auseinandersetzung integriert werden könne. Schnell sei klar gewesen, dass mit dem Umzug in das Gebäude ein anspruchsvoller, neuer Schwerpunkt zur bisherigen Tätigkeit hinzukäme. »Es gab aber auch sehr problematische Debatten darüber, wie viel ›Aufarbeitung‹ man machen müsse, um dort z.B. wieder Partys veranstalten zu können, durch die sich das Projekt finanziert«, wie Jaan*, ein anderer Aktiver, berichtet.

Eines der ersten Ergebnisse der Diskussionen war die Gründung des Geschichtsarbeitskreises, der auf großes Interesse stößt. Da die Verbrechen der Gestapo in der Klapperfeldgasse nicht nur den Vertretern der Stadt unbekannt zu sein scheinen, sondern allgemein in Vergessenheit zu geraten drohen, konzentriert sich die Arbeit des AK zurzeit vor allem darauf. Neben der Archivrecherche konnten bereits zwei Zeitzeugen interviewt werden. Diese Informationen und Interviews sollen im Rahmen einer Dauerausstellung ihren festen Platz im neuen Zentrum bekommen. Eine starke räumliche Trennung zu den anderen Hausbereichen werde es dabei nicht geben, um »der Aus einandersetzung eine beständige Präsenz zu verschaffen«, wie Jaan betont. In Kooperation mit dem Förderverein der Roma wird zusätzlich für diesen Sommer eine erste temporäre Ausstellung zur antiziganistischen Verfolgung im National sozialismus geplant und unabhängig davon eine Veranstaltungsreihe zur Geschichtspolitik vorbereitet.

Mit diesem Angebot wolle man sich auch nicht nur an das von Andreas Blechschmidt in der Jungle World 17/2009 skizzierte »linke Paralleluniversum« wenden, wie Cora versichert. Schon jetzt kämen häufiger interessierte Passanten vorbei, um sich über das Geschehen in der Klapperfeldgasse zu informieren. Auch Jaan sieht in der zentralen Lage eine große Gelegenheit, über die Szenegrenzen hinaus Menschen zu erreichen und eigene Inhalte ins Gespräch zu bringen. Und immerhin war FVJ schon einmal erfolgreich in Sachen Öffentlichkeitsarbeit, als die Initaitive sich durch umfangreiche Pressearbeit und Aktivitäten, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zogen, viele Sympathien sichern und so den Druck auf die Stadt erhöhen konnte, der Initiative Räume zur Verfügung zu stellen.

Davon zeigt sich auch Michael Damian beeindruckt. Er lobt überdies den Beitrag der Initiative zur Dokumentation der Stadtgeschichte und glaubt, dass dies »im Prinzip der alternativen Kunst und Kultur in Frankfurt zugute« komme. Schließlich habe die städtische Kooperation auch zum Ziel, aus den ehemaligen Besetzern Kulturschaffende zu machen. Ob sich dieser Wunsch erfüllt und wie wichtig der Stadt die Unterstützung eines solchen Projekts in zweieinhalb Jahren sein wird, ist ungewiss. Dann läuft der Nutzungsvertrag aus und das Areal wird wahrscheinlich vom Land Hessen zur Erweiterung des Justizdistrikts genutzt.

In Erfurt wurde hingegen schon im November damit begonnen, die restlichen Gebäude auf dem ehemaligen Gelände der Firma »Topf und Söhne« abzureißen, im April räumten Spezialeinheiten der Polizei den seit 2001 besetzten Teil. Nach der Räumung und dem Abriss blieb fast nichts mehr außer dem früheren Verwaltungsgebäude. Dieses wird von einem privaten Investor zurzeit renoviert, die Stadt möchte darin Etagen anmieten. Dort soll über die Rolle des Ofenherstellers »Topf und Söhne« in der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie informiert werden.

Damit würde eine Forderung der ehemaligen Besetzer und des Förderkreises »Geschichtsort Topf und Söhne« erfüllt werden. Pascal* und Marlene* arbeiteten in dem besetzten Haus mit, das Rundgänge auf dem Gelände anbot. »Wir waren oft überrascht, wie viele Leute an den Rundgängen teilnehmen wollten. Das war dann auch ein sehr gemischtes Spektrum: von Schulklassen und Studierenden bis zu älteren Leuten, die zur DDR-Zeit dort gearbeitet hatten«, berichtet Marlene. Die beiden kritisieren aber das Vorgehen der städtischen Vertreter scharf: »Die Stadt hat sich jahrelang gegen einen solchen Ort gesträubt und seiner Errichtung nur unter beständigem Druck nachgegeben.« Bis zur Besetzung wussten nur wenige von der Vergangenheit der Industrieanlage, die in der DDR zum volkseigenen Betrieb wurde, und zumindest von städtischer Seite schien das Interesse nicht sehr groß zu sein, da­ran etwas zu ändern. Doch durch das Engagement der Besetzer und des Förderkreises konnte wenigstens in Erfurt Aufmerksamkeit erregt werden. Darüber, wie lange diese durch den »Geschichtsort« weiter bestehen wird, sind sich Marlene und Pascal unsicher: »Wir befürchten, dass ein langfristiger Erhalt des Geschichtsorts nicht gesichert ist.«

* Name auf Wunsch von der Redaktion geändert

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